von Marcus Küster,
Karate-Dojo – BTS Neustadt in Bremen

Bremen – Osaka – Berlin – Tokyo

Als 2014 die WM in Bremen war, hatte ich das Vergnügen als Volunteer zu helfen und so das ganze Geschehen recht nahe und auch „hinter den Kulissen“ zu beobachten. Da ich so ein bisschen Japan-verrückt bin, habe ich mich, wenn möglich, auf die japanische Formation konzentriert. Das ganze Verhalten dieses Kaders, sowohl auf der Kampffläche als auch außerhalb, die Rücksichtnahme, Gleichmütigkeit und Höflichkeit hat mich dermaßen beeindruckt, dass die Begeisterung für diese Kultur in mir neu entfacht wurde. Ich hatte schon öfter die Gelegenheit, in Japan zu trainieren und mir war diese Art des Umgangs miteinander schon vertraut, aber bei dem Nationalkader kam das noch einmal konzentriert zum Ausdruck. Die Vorstellung, vielleicht einmal in deren Dojo mit zu trainieren, ließ mich nicht mehr los. Ich schrieb einige E-Mails an die Teikyo Universität, wo der Kader ansässig ist und an den entsprechenden japanischen Karateverband, habe aber nie eine Antwort erhalten. Im letzten Jahr war ich dann beim Training im Shudokan, das sich auf dem geschichtsträchtigen Grund und Boden der Burg von Osaka befindet. Dort erfuhr ich durch Zufall, dass im Budokan der Teikyo Universität jedes Jahr ein Seminar stattfindet, zu dem auch Gaikokojin (Ausländer) reingelassen werden.                                                             

Daraufhin habe ich wieder E-Mails geschrieben, die wieder ohne Antwort blieben.

Dann kamen dieses Jahr zwei Trainer aus Japan, Okamoto Saori und Nagaki Shinji, zum Gashoku des Berliner TSC. Ich beschloss dort hin zu fahren um sie direkt zu fragen und am Lehrgang teilzunehmen. Dort kam ich endlich weiter und erfuhr, dass ich zunächst über die zuständige deutsche Kontaktperson Mitglied im JKS werden muss und ich mich dann zum Seminar anmelden kann. Das war also der Grund dafür, dass  ich keine Antwort bekam, ich musste den Weg über den zuständigen JKS Branch Leader in Deutschland nehmen. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass es  so jemanden im DKV gibt. Es ist nicht leicht, sich in dem Wirrwarr der verschiedenen Verbände zurecht zu finden. Der Japan Karate Shoto Renmei (JKS) ist der Shotokanzweig der Japan Karate Federation und so auch Mitglied in der World Karate Federation in der wir auch mit dem DKV vertreten sind. Der Cheftrainer Shihan Kagawa ist nach den Shihan Nakayama und Asahi der dritte Nachfolger von Gichin Funakoshi.  Unsere Stilrichtung Shotokan im DKV ist quasi das Pendant zum JKS in Japan.  Ich meldete mich also über den zuständigen Christopher Krähnert vom Berliner TSC an und im November habe ich meinen Dogi eingepackt und bin nach Tokyo geflogen.

Das Dojo

Einen Tag bevor das Training losging habe ich mir das Dojo angesehen. Als ich eintrat, hatte ich das Gefühl, einen heiligen Ort zu betreten. Ein Gefühl, das mich sonst nur befällt, wenn ich z.B. eine Kirche, einen buddhistischen Tempel oder einen Jinja (Schintoschrein) besuche. Es ging irgendwie eine starke Aura von diesem Gebäude aus.  Mein Gefühl hat mich insofern nicht getäuscht, als dass sich in dem Dojo natürlich auch ein kleiner Jinja befindet, aber zu einem besonderen Ort ist es sicher durch die Menschen geworden die hier  Karate trainieren und das Karate ja auch von hier aus in die Welt tragen. Das Holz der Wände und des Bodens duftete wie Inzens, dass ich dachte es würde irgendwo eine Räucherkerze brennen. Ich musste mich aber selber korrigieren, Räucherkerzen gibt es nur in den buddhistischen Tempeln und nicht im Jinja. Ich betrat also den Boden aus astfreier Kiefer die aus Kitaken, dem Norden Japans geholt wurde und dachte mir: Hier werden die Weltmeister geschmiedet.

Eingangsbereich des Budokans
Das Dôjô

Das Training

Am folgenden Tag begann das Training. Kagawa Shihan, ein Teil des Nationalkaders und die Teilnehmer des Seminars waren anwesend.  Nach dem Seza hielt der Shihan eine kurze Ansprache in der er uns auf Dinge verwiesen hat die ihm offenbar sehr wichtig sind, da er uns explizit darum gebeten hat, es in unsere Dojos zu tragen, es unseren Schülern und den Schülern unserer Schüler zu erzählen. Zusammengefasst war der Inhalt der folgende: Karate hat sehr tiefe Wurzeln, vergesst  diese Wurzeln nie! Karate erfordert, dass wir mit Herz und mit Geist dabei sind!

Dann erzählte er einige interessante Dinge bezüglich der Olympiade in Japan 2020.

Das Gastgeberland stellt sich mit 4 kulturellen Traditionen vor:

  1. mit Shodo ( die Schriftkaligraphie),
  2. mit Musik
  3. mit Taiko (Trommeln) und
  4. mit KARATE!

Dazu wird die Kata Kankudai mit Bunkai vorgetragen. Zusätzlich hat er uns seine Idee unterbreitet, eine Gruppenkata mit Teilnehmern aus vielen Nationen vorzutragen, um den völkerverbindenden Charakter hervorzuheben . Die Kata Kankudai mit einem schönen Bunkai war dann auch Inhalt des Trainings, wobei der Shihan es sich nicht nehmen ließ seinen Cotrainer Nagaki Shinji höchstpersönlich mittels eines Tomoe-Nage-Wurfes auf die Kiefernholzbretter zu befördern.

Hashimoto Sensei zeigt Kankudai

Das Training dauerte 3.5 Stunden mit zwei kurzen Trinkpausen und Erklärungen zwischendurch.

Das Training am zweiten Tag begann bei Yamaguchi Sensei mit variantenreichen Kombinationen zum shomen / hanmi Körpereinsatz und genialen Erklärungen zum Angriff mit Yoriashi. Er zitierte oft den verstorbenen Asahi Shihan und auch von sein Bewegungen und Techniken her erinnerte er an ihn.

Danach ging es weiter bei Kanayama Sensei: Schnellkrafttraining mit dem Gummiband. Zuki und

Keri in schnellen Wiederholungen unter Widerstand sowie Situps. Yamaguchi und Kanayama Sensei waren sehr beeindruckend in ihrer Präzision, Schnelligkeit und Kraft, sowie der enormen Reichweite durch lange Stände, lange Techniken und athletischem Körpereinsatz. Den Abschluss bildete die nicht minder beeindruckende Okamoto Sensei mit Übungen zur Kata Sochin.

Am gleichen Tag fand noch eine Kampfrichter-Ausbildung statt.

Absolut sehenswert waren dabei die Kämpfe der Studentinnen und Studenten der Teikyo Universität. In welchen Fächern auch immer sie eingeschrieben sein mögen, sie scheinen die ganze Zeit nur Karate zu machen.

Der dritte und letzte Tag des Seminars brach an, wieder mit Kagawa Shihan selbst, mit einem strammen Kihon aus einer Passage der Gojushihosho (Renzuki, Maegeri-Oizuki, danach rückwärts, Ageempi ersetzt durch Ageuke Gyakuzuki). Ich bin schon in der ersten halben Stunde an meine konditionellen Grenzen gelangt.  Danach ging es etwas entspannter weiter mit der Kata Chinte. Dabei habe ich gelernt, dass der Begriff Sochin-Dachi nicht richtig ist, es muss Fudo-Dachi heißen.

Kagawa Shihan erklärt Fudodachi

Zwischendurch hat der Shihan etwas aus den Zeiten erzählt, als er noch bei Nakayama Shihan trainiert hat. Alle späteren Großmeister standen dort in der Reihe und sogar ein vermeintlich einfacher Fauststoß wie Chokuzuki sah bei jedem anders aus. Natürlich wurde die Grundtechnik nicht verändert, aber je nach Persönlichkeit gab es Unterschiede in den Details. Dann hat er uns zum Abschluss noch einen Rat weiter gegeben: Wenn man Fortschreiten will, so tut man das nicht, indem man die nächst höhere Kata lernt. Einen Fortschritt erlangt man nur, wenn man sich eine Kata wählt, in der man sich wohl fühlt und diese zu seiner eigenen macht. Als Beispiel zählte er auf, welche Kata er jeweils zu seinen Danprüfungen gezeigt hat:

Shodan: Bassaidai

Nidan: Bassaidai

Sandan: Bassaidai

Yondan: Bassaidai

Godan: Bassaidai

Rokudan: Bassaidai

Nanadan: Bassaidai

Hachdan: Bassaidai

Kyudan: Bassaidai

Das wäre nach unserer Prüfungsordnung allerdings nicht möglich.

Das Training und somit auch das Seminar wurde dann auch mit trainieren der Kata Bassaidai abgeschlossen. Als Sahnehäubchen hat Hashimoto Sensei sie für uns zum Vorbild rausgefeuert.

Alles in allem war das Seminar ein großartiges Erlebnis. Diese geballte Konzentration an Kapazitäten,  sowohl der Sensei als auch der Studentinnen und Studenten der Teikyo Universität dürfte wohl einmalig sein. Dankbar verließ ich diese heiligen Hallen und entspannte mich in den  Onsen, den öffentlichen Bädern mit Wasser aus den heißen Quellen.

Arigatou gozaimashita (vielen Dank)

In Deutschland gehe ich gerne zu den Lehrgängen von Efthimius Karamitsos und während des Seminars in Tokyo ist mir des Öfteren durch den Kopf gegangen, dass das, was er uns vermittelt, ziemlich genau dem entspricht, was an der Teikyo Universität gelehrt wird. Daher sei an dieser Stelle ein Dank an Efthimius Karamitsos angebracht, dafür, dass er mich (unwissentlich) auf das Seminar vorbereitet hat und ein Dank an Christopher Krähnert, für seine Arbeit als Leiter des JKS in Deutschland.

Kagawa Sensei jr, Marcus Küster
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